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Tagebuchauszug – Peru - Anden 17. Jänner 2006

Geschafft, es war viel Glück und Mühe dabei. Diesen Tag werden Geri und ich nicht so schnell vergessen. Wir beide sind nun ziemlich am Limit unsere Kräfte, hier oben auf über 4000 Metern Seehöhe.
Einige Stunden zurück...

Meter um Meter ging es einen namenlosen Übergang entgegen. Die Landschaft erinnert mich immer wieder an Patagonien ,damals war ich mit fünf Pferden unterwegs. Hier mit Blanco und Broney, die beiden Esel die uns als Packtiere begleiten. Von Anfang an entstand an eine sehr innerliche Beziehung zu den beiden sehr lustigen Tiere. Selbst in dieser Höhe sind sie uns in Punkto Kondition weitaus überlegen. Unsere persönlichen Utensilien tragen Geri und ich abwechselnd auf unseren schon müden Rücken. Blanco leicht erkennbar an seinen überdurchschnittlichen großen Ohren, sein einziger Gedanke dürfte der ans Fressen sein: Alles, aber auch alles frisst der Kerl, selbst Bananenschalen oder die Überreste des Abendmahles. An diesem Tag hatte er großes Glück.

Die Gletscher waren zum Greifen nahe, kein Anzeichen von einer Wetteränderung , der Himmel bläulich mit leichten, milchigen Wolkenfetzen überzogen. Kein Windhauch war zu spüren, mit der Höhe wurde es etwas kühler. Das Benzin, für das Kochen war ausreichend, an die 30 Liter am Packgestell beider Esel aufgeteilt festgebunden. Durch den Überdruck der Plastikbehälter entstandenen aber ausgetretenen Dämpfe, die machten das Schnaufen und Ringen nach Sauerstoff nicht gerade einfach.
Anfänglich glaubten wir wirklich es lag nur an der dünn gewordener Luft ,doch als auch beide Esel des Öfters benebelt unterwegs waren, mussten wir dieses Problem in den Griff bekommen.... Stunde für Stunde vergönnten wir uns eine kleine Verschnaufpause.

Es war gegen 16 00h, endlich ereichten wir diesen lang ersehnten namenlosen Übergang ins nächste Tal. Ein kleines Hochplateau war erreicht, zwei kleine Seen lagen vor uns. Genau da lag das Problem, der Ausfluss des ersten Sees war zu tief um ihn mit unseren Tieren zu queren. Leider, auch in nächster Nähe war es uns nicht möglich weiterzukommen um dann ins nächst tiefergelegenen Tal absteigen zu können. Das sumpfige Gelände war schuld daran, die Gefahr des Einsinkens war uns zu groß. Wir mussten einen Umweg in Kauf nehmen um entgültig talabwärts zu gelangen. Viel Zeit blieb nicht, über um ein geeignetes Nachtlager zu orten.

Obendrein mussten wir immer wieder absteigen, um auch Futter für die Tiere zu finden. Verschwitzt suchten wir um eine Lösung. Die Karte war nicht sehr hilfreich. Wir kämpften uns an einer steil brüchigen Felswand entlang. Ein kleines zweites Plateau wurde erreicht, am Ende des zweiten Sees. Die ersehnte Hoffnung, jetzt rasch Vorwärtszukommen, beinahe begraben.
Ein kleiner Bach dehnte sich in seiner ganzen Breite vor uns aus, an die hundert Meter, bevor er in den seichten Gewässern des Sees sein Ende fand. Verzweifelt irrten wir in alle Himmelsrichtungen, um Ausschau zu halten nach einem für die Tiere ungefährlichen Übergang.
Ein kühler Wind blies uns um die Ohren, er kam von der anderen Seite des namenlosen Passes. Innerlich fluchten wir beide, es war an der Zeit, Entscheidungen zu treffen und nicht zu meckern . Sichtlich nervte es auch unseren Vierbeiner das ständige Hin und Her. Blanco machte seinen Unmut auf seine Art kund, der mit lautem IA IA gab er es uns zu verstehen. Im normalen Fall tat er das nur am Morgen, wenn er großen Hunger verspürte.

Vorsichtig ging es Schritt für Schritt durch dieses wässrig schlammige Dasein.
Lange spielen die Tiere nicht mehr mit, murmelte ich vor mich hin. Von Minute zu Minute wurden sie nervöser. Der tierischer Instinkt hinderte sie am Fortkommen, wegen eines möglichen Fehltrittes im Morast.

Wieder suchte ich nach einem Ausweg, Geri fand Platz unter einer Felsnische,
um die Tiere zu beruhigen. Der Himmel versprach nicht Gutes. Der Wind brachte uns
satte, böse, dunkle Wolken mit extremen Hagelschlag, sturmartig. Die Ohren der Esel, die waren auf einmal nach unten gerichtet, um die Augen zu schützen.
Wir waren zum Warten verdonnert, binnen Minuten war es weiß geworden,
weiß von großen Hagelkörnern, vermengt mit eigenartigen Schnee, weiß wie im Winter.

Wir durften nicht länger zuwarten, beritt ich mit Geri, der das gleiche dazu meinte, denn hier konnten wir nicht nächtigen. Das Terrain war nun noch matschiger geworden, beinahe lehmig. Irgendwie fanden wir doch noch ein Schlupfloch aus dieser misslichen Lage. Jeder unserer Schritte, sowohl der Tiere und unsere eigenen, mussten exakt getreten werden, ansonsten lag man am Hintern. Selbst unsere gute Bekleidung war gegen dieses Wetter machtlos. Leicht frierend ließen wir das Plateau hinter uns und nahmen den beschwerlichen Abstieg in Angriff. Das nächste Tal war heute nicht mehr erreichbar, doch konnte man die irrsinnige Schönheit schon von Weitem bestaunen. Die Witterung verbesserte sich. Es wurde lichter, hohe, schnelle ziehende Wolken zogen über uns, vor uns lag eine Gebiet der absoluten Vielzahl an Naturwundern, farbige Regenbögen überzogen den frühen Abendhimmel hier in luftiger Andenhöhe

Langsam ging es bergab, unsere beiden wieder mehr motivierten Tiere hatten ja die Last des Gepäckes auf ihren Rücken, und so waren sie auf dem Berge nach unten nicht die allerschnellsten.
Der Tag neigte sich dem Ende, noch war es hell genug. Aus nächster Nähe erkannten wir ein kleines Plateau , ideal Platz für das Zelt und genügend Grünfutter für die braven Esel. Bei genauerer Betrachtung war es bereits zu spät, ich war mit Blanco bereits inmitten eines überschwemmten Baches, daher das viele Grün. Kleine Fehler, egal wo auch immer, könnten fatale Folgen mit sich bringen. Teils unterirdisch schlängelte ein Bachsystem, Morast pur rief ich Geri zu. Zu spät, Blanco fand keinen Halt mehr, und sackte mit allen Vieren zusammen, sein Verhalten verriet nicht Gutes , er war eingesunken und im Morast gefangen.
Rasches Handeln wurde von uns gefordert, nur keine Zeit verlieren. Doch Panik wäre auch in solcher dramatischen Situation Fehl am Platz. Zuerst entluden wir den armen Teufel, dann versuchten wir ihn mit Seile vor dem sicheren Tod zu befreien, seine Atmung schnellte in die Höhe, Schock, was nur tun, zwei seiner Beine waren wirklich schlimm verdreht, nur nicht daran denken, dass er sich ein Bein gebrochen hätte, wir hatten doch aus militärischen Gründen auf eine Schusswaffe verzichtet. So gut es ging beruhigten wir das gefangene Tier.

Handeln war angesagt, wir waren beide schon ziemlich erschöpft, am Ende unsere Kräfte.

Mit Eispickel versuchten wir ihn auszugraben, doch ohne seiner Hilfe ging nichts. Zwei drei Male stemmten wir uns entgegen, um ihn hochzuziehen, ohne Erfolg mussten wir eine Pause einlegen, um Blancos letzte Kräfte zu schonen. Außerdem war die Gefahr groß ihn durch einen Kollaps zu verlieren.

Beim x-Male schafften wir das fast Unmögliche. Zuerst die gleiche Vorgangsweise, Geri zehrte mit letztem Einsatz am Seil , meine Aufgabe bestand darin, ihn beim Aufstehen zu unterstützen. Blanco fand seine ganze vielleicht endgültig letzte Kraftreserve, er schaffte das nicht mehr Geglaubte und siegte über sein Schicksals. Er war frei. Geri und ich waren zu erledigt, um den Göttern zu danken. Unsere Ausrüstung lag weit verstreut in diesem sumpfigen Abschnitt. Broney, der zweite Esel, stand genau am selben Fleck Erde, als alles seinen Lauf nahm, auch ihm war der Schock an seinem bräunlichen Gesicht anzumerken.

Völlig durchnässt fanden wir in nächster Nähe einen Platz ,um zu nächtigen. Uns war jeder Platz nun gut genug. Die Dämmerung war längst zu spüren, mit ihr kam auch leichter Regen. Schnell lief unser Benzinkocher auf Hochtouren , das Hungergefühl enorm. Hungrig nach irgend etwas Essbarem und ein kräftigen Schluck Rum dazu, beinahe zu müde um es aufzunehmen.
Der Schlafsack rief nach mir, kuschelig fühlte ich mich dann in der wärmenden Umhüllung. Nach und nach wurde es spätestens in dieser Geborgenheit klar, welch ein Glück heute auf unserer Seite war.
Gute Nacht

Die folgende Nacht wurde stürmisch und regnerisch.