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Tagebuchauszug - In den Hochebenen der Anden

Plötzlich erschrecke ich heftig. Tief in Gedanken versunken. Der flackernde Kerzenschein taucht Maries Gesicht in gespenstisches Licht. Wilde Gedanken schießen mir durch den Kopf. Wir flüstern gelegentlich miteinander, wobei mein Blick an ihr haften bleibt.. Der nervtötende Wind rüttelt am Zelt. Seit Stunden schneit es leicht. Draußen im teuflischen Dunkel der Nacht, stehen die Pferde dicht aneinander, um dem Sauwetter zu trotzen. Fast drei Monate sind wir unterwegs. Ein Tag in Chile genügte, um unser Visum für weitere drei Monate zu verlängern.

Entlang der chilenischen Grenze reiten wir stundenlang dahin ,hügelauf, hügelab, keine Straßen ,keine Hektik, nur Ruhe. Verlorengegangene Empfindungen für Raum und Zeit kehrt zurück. Unüberschaubar weit erstrecken sich die Hügel, Talketten der patagonischen Hochebene. Dunkelbraune und ockerfarbene Hügel, karge und mit sattem Grün überzogene, mit dürren Grasbüscheln bedeckte und mit Steinen übersäte Hügel., vereinzelt ein Busch, dann wieder kleine Bäume, die der ewige Wind zu bizarren Bonsais formt. Schroffe Felsen oder sanfte Rundungen, so verschieden und doch so gleich.

Vor uns türmen sich gewaltige, schneebedeckte Dreitausender auf, herrliche Gipfel, von denen noch viele unbezwungen sind. Unbarmherzig reibt der harte Holzsattel unter dem Hintern. Nach einigen Stunden hänge ich wie ein Häufchen Elend auf dem Pferd, unfähig, die scheinbar abgestorbenen Gliedmaßen wieder zum Leben zu erwecken. An einem kleinen Bach machen wir Rast, wir Teilen die Überreste des morgendlichen Banooks. Die Hochebene der Anden zeigt bereits ihr herbstliches Farbenkleid.

Der Himmel erstrahlt wieder in friedlichen Blau. Angenehme Sonnenstrahlen tauchen die Landschaft in leuchtendes Rot - Gelb. Kompass und Karte sind jetzt ständige Wegbegleiter. Oft dauert es Stunden die Richtung zu bestimmen.

Zunehmend wird das Terrain unwegsam. Für wenige Kilometer benötigen wir oft eine ganze Tagesetappe. Wieder waren wir in einem falschen Talkessel gefangen. Auch das noch ,Bambis Vorderhufe sind am felsigen Gelände verlorengegangen. Abladen, Campaufbau. Mit großem Respekt nähern wir uns dem Ross. Nach heftigem Streit mit dem Tier können wir seine geballte Kraft bändigen und ihn zu Fall zu bringen. Irgendwie schaffen wir es noch vor Dämmerung neue Eisen kalt zu beschlagen. Allmählich hindern mich meine schmerzenden Glieder am Einschlafen.

Nach langer Zeit nimmt eine Forelle wieder Platz in der Pfanne, unsere hungrigen Mägen nehmen dankend an. Die Tage werden zunehmend kürzer und kälter. Eisiger Wind bläst uns um die Ohren. Ein dicker Poncho und Gesichtsmaske helfen. Der Argentinier und sein Land El Poncho de Dios, Gottes Poncho. Tief in einem engen Tal liegt eine Estancia vor uns. Qualmiger Rauch steigt durch die klare Herbstluft.

Die Dämmerung hatte noch nicht begonnen und die Pappeln hinter der Sattelkammer schimmern goldgelb im Abendlicht. Einige Gauchos sitzen neben einem Kaminfeuer und löffeln einige Fleischbrocken aus einem riesigen Topf. Es war zu früh zu reden, nur das Schnaufen der müden Pferde war zu hören. Bald aber stehen sie dicht gedrängt um uns versammelt, Mate wird gereicht, offenkundig diskutiert man über unser Tun. Wir beziehen unser stallähnlichen Unterkunft.

Ein Schauspiel der Natur zeigt uns eine Mondfinsternis, wobei der Mond den Schattenkegel der Erde streift.