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Tagebuchauszug Peru - San Alexandro - Amazonien 22. Februar 2006

Leises Kribbeln verspürte ich in der Bauchgegend, Aufregung , morgen sollten wir endlich aufbrechen: Aufbrechen wohin? Eine Fahrt am Fluss durch die grüne Hölle in Richtung Iquitos im Nordenosten von Peru, wo Anfang des 20.Jht. der Kautschuk - Boom seinen Siegeszug antrat, weshalb die Region weltberühmt wurde. Hier, wo sich alle großen Quellflüsse des Amazonas befreundet haben. Es war Regenzeit, doch auch wieder nicht, vielleicht wegen dem Klimawandels, mal schüttete es wie aus Kübeln dann wieder war für Tage feinstes Tropenwetter.

Diese letzte Nacht war wieder wie alle anderen in diesem kleinen Dorf San Alexandro. Wetterleuchten und Donnergetöse, das hatte ich in solcher Intensität vorher noch nie erlebt. Erst muss man sich daran gewönnen, an diese Launen der Natur. Neuland war das nicht zur Gänze, - vor einigen Jahren war ich mit Freunden für längere Zeit in Venezuela im Dschungel mit Kanus unterwegs gewesen. Egal, dieser Morgen war leicht nebelverhangen, Proviant und viel Ausrüstung schleppten wir zum nahen Ufers des Rio San Alexandro. Wir kauften uns ein Art Kanu, 12 Meter lang. Pedro, ein Einheimischer verschafften wir etwas Arbeit, um uns bei der Verwirklichung eines Hausboots oder etwas ähnlichem behilflich zu sein, Das mit Ihm hatte mehrere Gründe, einerseits hatten wir im Nu mit seiner Hilfe ein Boot gekauft und andererseits sollte auch er etwas Geld verdienen, fanden wir.

Einige aus dem Dorf waren gekommen um uns Lebewohl zu wünschen. Ich hatte dieses schmale Boot natürlich vor der Abfahrt getestet, da staunten sie, die Zuschauer nicht schlecht, als ich eine Seilfähre (ohne Höhenverlust) an anders Ufer durchführte. Die Indianer verwenden eine etwas andere Art Technik zur Flussüberquerung. Ein massiver Einbaum stellt das Innenleben unseres Boots dar, dieses Gefährt ist also sehr schwer.

Am Nachmittag kletterte das Thermometer wieder weit über die 30 Grad Marke, vermengt mit hoher Luftfeuchtigkeit, nichts Untypisches für den Regenwald. Noch ein Abschiedsbier, Ausrüstung und Proviant gut verstaut unter dem Palmendach stoßen wir ab, „Wackelig, sehr wackelig“ dachte ich, Einheimische winkten uns zum Abschied, fortan ging es flussabwärts ins Ungewisse. Ein paar Boote schwer mit Früchten und Personen beladen fuhren flussaufwärts um Ihre Waren im Ort gegen Geld zu tauschen.

In ihren Augen waren wir natürlich weiße Touristen (Gringos) , diese Betrachtung störte mich keineswegs, reisten wir nun wie sie selbst traditionell mit eigener Kraft entlang der Flüsse. Das Gewässer war nicht sonderlich breit, ca. 30 Meter. Langsam glitten wir dahin, Schlag um Schlag tauchte ich das schwere Indianerpaddel in den gelb-braunen Fluss. Unerbittlich brennt die immer tiefer sinkende Sonne auf uns nieder. Bei der Orientierung war ich zum Teil auf Geri angewiesen. Von mir aus sitzend sah ich nur unsere Schlafkammern versehen mit bläulichen Moskitonetzen. Deshalb musste ich ständig das Boot seitlich steuern ( 45 Grad parallel flussabwärts), um wenigstens mehr Einblick vom vorderen Verlauf zu erspähen.

Eine leichte Strömung unterstützte uns, romantisch enge Biegungen wechselten sich mit längeren Geraden, selbst an steilen Böschungen wucherte eine Vielzahl noch nie gesehener Pflanzen. Vögel und deren Gesang, Geschrei verschiedener Tierarten von Weitem unüberhörbar, ja ich war glücklich dachte an Zuhause an meine Eltern, Freunde und meiner Freundin Birgit, die auf mich in Österreich wartete. Ich war mit den Gedanken irgendwo. Plötzlich, auf der rechten Seite eine Bachmündung, brusthoch im Wasser durchwatete ein Indianer das schlammige Gewässer, am Rücken seine Jagdbeute tragend. Vom Erblickten angetan, schaute ich weiter flussabwärts, es war ein berauschender Abschnitt ohne jegliche Langeweile.

Wir wussten im Vorhinein, das es schwierig sein würde, Lagerplätze an Land ausfindig zu machen. Der hohe Wasserstand machte es hart, am Ufer anzulegen, denn Schotterbänke oder kleine Insel gab es kaum. Unsere Art Hausboot war einfach zu schwer es aus dem Wasser zu ziehen. Wir hielten Ausschau , Hunger hatte sich angemeldet. Glück! Vor uns eine trockene Schotterinsel inmitten des Flusses. Mit langen 30 Meter Seilen befestigten wir das Boot vorne und hinten, an klein gewachsenen Gestrüpp. Unser Zuhause war im Kehrwasser bestens aufgehoben.

Als Ersatz für den defekten Benzinkocher hatten wir einen riesengroßen Gaskocher erstanden. Im Nu war eine warme Mahlzeit entstanden ,sie bestand aus frischem Gemüse und köstlichem einheimischen Reis, der Ort seines Anbaus lag etwa 25 Kilometer hinter uns. Vorsichtig erkundeten wir unser neues Territorium. Die Vielzahl von Kleingehtieren machte uns etwas nervös. Geris Gebeine litten fortan unter permanenten Einstichen jeglicher fliegenden Mücken und ähnlicher Plagegeister. Zwar versuchte ich immer wieder, ihn zu beruhigen ,dass es im Norden Kanadas fiel schlimmer wäre, - ein schlechter Trost bei diesem zerstochenen Anblick. Die bevorstehende Nacht sollte wie Dutzende andere eine lange werden: Durch die Nähe zum Äquator wurde es bereits früh dunkel, etwa gegen 18 Uhr.

Platznehmen im Hausboot. Schnell musste es gehen, sehr schnell sogar, um unter dem Moskitonetz Schutz zu finden. Natürlich machten wir uns wegen Malaria Sorgen. Diese Furcht vor der lebensbedrohlichen Erkrankung verschwand erst, wenn wir die Moskitos von außen gegen das Netz stoßen sahen. Von oben her schützte uns eines aus Palmenblättern geflochtenes Dach vor der Nässe. Nur der Länge nach fanden wir im Boot genügend Platz um zu schlafen. Die Breite des Bettes richtete sich nach deren Breite des Bootes. Das ständige Umherwälzen wurde für uns zur echten Zerreißprobe. Dadurch, dass unser Gefährt im schwimmenden Zustand ankerte, schwankte es bei jeder Drehung des Partners.

Nichts erinnerte mehr an das wundervolle Wetter vergangener Stunden. Das gigantisches Farbenspiel des Wetterleuchtens raubte uns entgültig den verdienten Schlaf. Das war erst der Anfang, Blitze so dick wie Bäume zuckten in Minutentakt, ein Naturspektakel sondergleichen, das selbst den farbigen Nordlichtern an Schönheit nichts nachsteht. Immer wieder wurde die Finsternis der Nacht unterbrochen von einer angsteinflößenden, aufgeblitzten Helligkeit. Furchterregend die mörderische Wucht des Donners, der mit all seiner Gewalt auf sich aufmerksam machte.

Hinzu kam die Schwüle, an die man sich kaum gewönnen konnte. Dann wenn Donner und Blitz sich eine Verschnaufpause gönnten , begann das tägliche Konzert der Waldbewohner, gespickt mit Höhen und Tiefen. Brüllaffen sind dem Donnergrollen fast ebenbürtige Konkurrenten in Sachen Lautstärke. Unterschiedliche Frosch Arten begleiteten mit einzigartigen Tönen und Rhythmen das kostenlose Freiluftkonzert, in dieser einzigartigen Dschungelwildnis. Senkrecht fallender Regen folgte. Fast stündlich kontrollierte ich den Wasserstand, unaufhörlich prasselte das nasse Element auf unser Naturdach. Noch war alles in Ordnung, meine Gedanken kreisten, Gedankenspiele, doch irgendwann suchten meinen Augen Ruhe.

Ich erschrak, war es ein Traum?, der Blick auf meine Uhr: 5 30h morgens , unsere Insel war fast verschwunden. Zornig oder in Panik geraten weckte ich Geri, ich glaubte er schlief. Nein! Er war wach, bei dieser Nacht.....Schlaftrunken und mit dem Licht der Stirnlampe sah ich nichts Gutes. Das Wasser war ziemlich gestiegen, die Farbe nicht wieder zuerkennen. Ich hüpfte ins Wasser, um nachzusehen wie hoch es bereits war, nach meiner Einschätzung einen knappen Meter. Tatsächlich! Unsere Insel existierte beinahe nicht mehr. Schauergeschichten über bösartige Reptilien zermürbten plötzlich meine Gedanken. Schnell kletterte ich ins Boot zurück. Abzulegen hätte noch keinen Sinn gemacht , noch war es zu dunkel , „Es wäre zu gefährlich, weiterzupaddeln“ rief ich mit lauter Stimme Geri entgegen. Wir mussten auf den Beginn eines neuen Tages zuwarten, Auf einen Weiterschlaf war in diesen Momenten nicht zu denken .Die kurze ereignisvolle Nacht hatte uns die Erholung geraubt. Es wurde Tag, das Boot schwänzelte bereits leicht in der Strömung ,entwurzelte Baumfamilien trieben an uns vorbei, das Gesicht des Flusses zeigte sich weiter von seiner negativen Seite. Dass Überbleibsel der Insel beschränkte sich auf einen knappen Quadratmeter, doch das Verschwinden war programmiert.

Unserem raschen Handeln war es zu verdanken, das wir noch die, vom Abend zurückgelassene, Ausrüstung retten konnten. Es regnete in Strömen, ein schnell gebrauter Kaffee verlieh uns neue Energie .In aller Herrgottsfrüh legten wir mit etwas mulmigen Gefühl ab. Natürlich konnten wir auch etwas Positives daraus ziehen: Die Strömung war schneller geworden. Trotz Dauerregens hatten wir den Humor nicht verloren. Um Nichts in dieser Welt wollte ich diese Augenblicke des Lebens tauschen. Denn bekannterweise scheint meist nach Regen die Sonne.