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Ost-Grönland-Sommer 99

500 km mit dem Seekajak

Paddeln, wie Inuits in ihren Fellbooten früherer Tage. Der Gedanke kam mir im Winter 94 bei einer Winterdurchquerung mit Schlittenhunden im Yukon T./ Canada.

Bernhard, für seine Nervenstärke im Kajak bekannt, war für diese Idee gleich zu haben. Obendrein verfügte er gerade über genügend Kleingeld, noch dazu ist er kein Freund der sommerlichen Wärme in unseren Breiten. Past, wir waren ein Team.

250 kg an Ausrüstung und Proviant hatten wir dem Schiff anvertraut. Ein Stapler mit einer Holzkiste, das war für meine Nachbarn zu viel, „Wohin will den der Spinner wieder“

Wie versteinert starren wir im Anflug auf Kulusuk auf das Packeis. Eine geballte Ladung Ehrfurcht vor dieser Naturschönheit. Aufgeregt, ob die Idee mit dem Seekajak wohl richtig war?

Ein ins Alter gekommener Däne bot uns die Fahrt nach Angmagssalik an, doch sein Bootswrack hatte nach dem langen Winter noch keine gute Laune. Im Zick-Zack-Kurs steuert ein fröhlicher Grönländer sein Boot durch einen Scherbenhaufen aus Schollen und Eisbergen. Eine Seehundmütze schützt ihn vor dem eisigen Fahrtwind. Seine Flinte stets bereit. Eine Unachtsamkeit und wir brausen im Höllentempo auf eine treibende Eisscholle, meine Haut spürt die kalte Luft die sich vom Inlandeis herunterwältzt.
Duft vom tiefblauen Eismeer, dahinter verschmelzen Granitberge und Eis zu einer Liaison- himmlischer Vollendung. Im Fjord eingetaucht liegen vor uns die puzzeligen bunten Häuser Angmagssaliks, die Inuits sagen dazu Tasilaq, die gößte Ansiedelung der Ostküste. Im Distrikt leben über 3000 Menschen.


Die Suche nach Istertoq

Das Boot nimmt brav Welle für Welle. Besonders an den Kaps bilden sich turbulente Strömungen. Gefährlich treibende Eisbrocken werden zur unberechenbaren Hölle, immer in Gefahr, zerquetscht zu werden. Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Mit zunehmenden Paddelschlägen wird die Beklemmung schlagartig weggespült. Frostiges Spritzwasser, deine Hände sind kaum mehr bewegungsfähig. Das Gehirn ist überstraperziert. Möwengeschrei hallt von der felsigen Steilküste. Flott umrunden wir ein letztes Kap. Die Inselwelt von Istertoq ist aus unser Froschperspektive zu erkennen. Glücklich blicken wir auf die teuflische See zurück. Kein Anzeichen von Wind, es wird richtig warm. Beide reißen wir uns die nassen Kajakklamotten vom Leib und genießen ein Sonnenbad. Bernhard hievt uns gekonnt mit seinem GPS-Satelliten-Navigationsgerät durch kleine Wasserkanäle. In dieser Enge wartet ein auf Grund gelaufener Eisturm. Der an die 30 Meter hohe Riese rumort im Inneren. Im klaren Wasser entdecke ich Unterwasserpflanzen von beeindruckender Schönheit.

Eine Gletschermauer, die vom Landesinneren herabrollt zeigt uns turmhohe Eisgebilde von unbefleckter Harmonie. Die Etappe zeigt uns all den Zauber, den die Arktis zu bieten hat. Wir sind so winzig und verletzlich hier. Ein Entgleiten der Naturgewalt und man wird ausgelöscht. Erschöpft gehe ich in Istertoq an Land, Bernhard klopft mir anerkennend auf die Schulter.

Riesige Teile eines Walskelettes verrotten dahin. Haushaltsabfälle und sonstiger Müll vermischen sich zu einem Gebrau seltsamer Gerüche. Dazwischen blühen Wollgras und purpurrote Weideröschen. Eisbären sind unser geringstes Problem, obwohl wir auf Spuren gestoßen sind. Zähneknirschend umlagert jetzt eine hungrige Meute freilaufender Hunde unser Lager. Frisch gebratenes Robbenfleisch lockt sie an. Nur ein lauter Knall aus der geladenen Büchse verschafft uns eine Befreiung aus der angsteinflößenden Situation.


Der Wal

Früh brechen wir auf. Das Barometer verspricht nichts Gutes. Das friedliche Blau des Meeres ist ruhig, nur eine leichte Brise kräuselt es. Schwerstarbeit jeden Morgen, das Kajak über Felsen zu Wuchten, Stauen, Einbooten. den meisten Platz nimmt immer noch das Essen ein. Tagesration an Essbarem, Trinkflasche und Signalraketen sind jederzeit greifbar. Seit Stunden umwallt uns Nebel, eine Orientierung wird langsam unmöglich. Kaum sind Eisberge zu erkennen. Nach 5 Stunden endlich Sicht aufs Land. Helle Sonnenstrahlen Pannen sich einen Weg durch die weisliche Wand. Felsen werden greifbar und verschwinden wieder.

Plötzlich, Majestätisch taucht ein grauschwarzer Walkörper auf. Elegant zieht der Koloss seinen Weg, nur mehr seinem Prusten nach können wir im Orten. Seine Schwanzflosse so groß und mächtig, dagegen erscheinen unsere Boote zerbrechlich. Gefesselt von diesem Augenblick vergesse ich auf Fotos. Jedes fordert Überwindung und die wenigen Szenen im Kajak kosten Nerven und Zeit.